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Vom Büffel, der nur ein Horn hatte

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Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen der Uiguren
Hoch oben im Gebirge lebte einst ein Junge. Er hatte keine Eltern und keine Verwandten mehr. Er wohnte allein in einer Hütte.
Bei der Hütte lag ein kleines Feld, das er mit Reis bepflanzte. Eines Tages - es war nach der Ernte, und unten in der Stadt wurde Markt abgehalten - nahm er zwei Bund Reis und stieg von den Bergen ins Tal hinab.
Als er den Reis verkauft hatte, spazierte er noch ein bisschen zwischen den Buden der Händler umher. Er bestaunte die herrlichen Teppiche, die wunderschönen Silberwaren und blieb schließlich vor einem Stand stehen, mit feinen Pinseln, Schüsseln, Farben, Kohlestiften, Tuschen und feinsten Reispapier. Da wünschte er, auch einmal etwas zu malen oder zu zeichnen. Doch die zwei Kupfermünzen die er besaß reichten nicht für Farben und Papier, dachte er. Aber vielleicht bekomme ich dafür ein Stück Zeichenkohle.
Er fragte den Händler und der gab ihm für seine Kupfermünzen zwei Stück Zeichenkohle.
Ungeduldig eilte er nach Hause. Dort riss er ein Blatt vom Bananenbaum und begann zu zeichnen. Dabei fiel ihm ein, wie schön es wäre einen kleinen Büffel zu haben, so einen wie er auf dem Markt gesehen hatte.
Mit der Kohle zeichnete er auf dem Bananenblatt einen Büffel, zuerst ein Kopf, den Körper, ein zotteliges Fell und nun noch die Hörner, er zeichnete eines, aber für das andere war kein Platz mehr auf dem Bananenblatt.
Der Junge war mit seinem Werk zufrieden und hängte es in seiner Hütte auf. Dann drehte er sich um und trat er vor seine Hütte. Er blieb wie erstarrt stehen: Draußen stand ein Büffel, der ihn mit seinen treuen, braunen Augen ansah, und auf der Stirn hatte er nur ein Horn. Der Junge eilte in seine Hütte um sich noch einmal die Zeichnung anzusehen. Doch das Blatt war leer, von der Zeichnung keine Spur.
Da wusste der Junge, dass seine Zeichnung Wirklichkeit geworden war.
Von nun an lebte er glücklich und zufrieden mit seinem neuen Freund. Am Tage arbeiteten sie einträchtig auf dem Feld, und am Abend legten sie sich gemeinsam zur Ruhe und der Junge legte seinen Kopf an den warmen Hals des Büffels.
Eines Tages kamen kaiserliche Soldaten durch die Berge gezogen. Sie hatten Hunger, und als sie den Büffel sahen, riefen sie:" He, seht nur was für prächtiger Büffel, sein Fleisch wird uns bestimmt schmecken." So sehr der Junge auch flehte, die Soldaten ließen sich nicht erweichen, sie fingen, schlachteten und brieten ihn.
Verzweifelt ging der Junge wieder in seine Hütte und weinte. Nach einer Weile hörte er die Soldaten, "hier, das ist von deinem Freund übrig geblieben!" Sie warfen ihm die Knochen und das Büffelhorn vor die Hütte und zogen lachend weiter.
Traurig sammelte er die Knochen ein und begrub sie neben der Hütte, das Horn hängte er an die Wand. Er weinte sich in den Schlaf und erwachte Tränen überströmt. Als er mit seinem Kummer vor die Tür trat, sah er, dass an der Stelle, an der er die Knochen begraben hatte, ein Bäumchen wuchs, das bald einen Stamm bildete und der wuchs und wuchs ohne Unterlass. Täglich ging der Junge zu dem Baum, lehnte seine Wange an den Stamm und lauschte dem Wispern der Blätter. Der Baum wuchs und wuchs, bis seine Spitze in den weißen Wolken verschwand.
"Wie hoch der wohl gewachsen ist", dachte der Junge," ich will einmal nachschauen." Er umschlang den kräftigen Stamm und kletterte daran in die Höhe.
Lange kletterte er, es wurde ihm schwindelig, aber schließlich war er in einer weißen Wolke. Er schob die Wolke zur Seite und da war ein blaues Tor, durch das er in den Himmel schritt. Ach, war es schön dort! Überall dufteten Blumen- und über den blauen Spiegel fuhren Wolkenschiffe mit wunderschönen Feen hin und her. Eine, die gefiel ihm besonders gut. Er schaute ihr nach und plötzlich entdeckte die Fee den Jungen. Sie schrie auf- und im selben Augenblick verschwanden die Feen und der Himmel. Nur die Baumspitze war noch da. Er hielt sich daran fest, der Bambus schwankte, wurde kleiner und kleiner und wuchs zur Erde zurück. Es dauerte nicht lange und der Junge stand wieder vor seiner Hütte und schaute traurig zum Himmel empor.
Ach wie sehnte er sich nach der Fee, die ihn entdeckt hatte, nach ihrem lieblichen Gesicht. Tag und Nacht dachte er an sie und er wünschte sich nichts sehnlichster, als sie zu seiner Frau zu gewinnen.
Doch der Baum war verschwunden, und der Himmel unendlich hoch. Ständig überlegte der Junge, wie er es anstellen könnte noch einmal in den Himmel zu gelangen. Kein Essen schmeckte ihm mehr, kein Schlaf erfrischte ihn. Er saß nur ständig vor der Hütte und schaute sehnsüchtig zum Himmel auf. Eines Nachts erschien ihm im Traum sein alter Freund, der Büffel, lächelte ihn mit seinen weisen Augen an und sprach: "Warum bist du nur so traurig ? Hast du das Zeichnen vergessen? Wenn du die Fee bei dir haben möchtest, dann zeichne sie doch. Wenn dir das Bild gelungen ist, nimm das Horn von der Wand und blas hinein!"
Gleich am Morgen, lief er hinaus und riss ein Bananenblatt ab. Dann ging er in die Hütte und begann zu zeichnen. Zehn Tage saß er in der Hütte, vergaß die Welt um sich und zeichnete und zeichnete, und die Bananenpalmen hatten kaum noch Blätter. Dann schaute ihn die liebliche Gestalt der Fee an. Er nahm das Horn von der Wand, legte es an seine Lippen und blies hinein. Da erbebte die Luft, himmlischer Duft wehte, und die Hütte erstrahlte in einem wunderbaren Licht. Die Fee auf dem Bild bewegte sich, lächelte dem Jungen zu und sprang aus dem Bild. Sie reichte ihm ihre Hände und sprach: "Ich will deine Frau werden. Wir wollen gut zueinander sein und uns unseres Lebens freuen."
Mit jenem Tag zog das Glück in der kleinen Hütte ein, und der Junge hatte keinen Wunsch mehr. Eines Tages aber marschierten die kaiserlichen Soldaten wieder durch die Berge. Als sie an der Hütte vorbeikamen sahen sie die schöne Fee und riefen: "Hey, das ist ja gerade die rechte Braut für unseren Kaiser, die wird ihm gefallen!"
Kein Weinen und kein Klagen rührte die Soldaten, und sie führten die Fee gewaltsam hinweg. Mit wehem Herzen saß der Junge weinend in seiner Hütte. Plötzlich aber hellte sich seine Miene auf. Er sprang auf, holte das letzte Bananenblatt, nahm den Kohlestift und begann zu zeichnen. Er zeichnete einen Tiger, der seine Zähne fletschte, dann bekam der Tiger noch zwei Flügel und der Junge nahm das Büffelhorn von der Wand und blies hinein. Der Tiger sprang aus dem Bild, der Junge auf seinen Rücken, und schon flogen sie zum Kaiserpalast.
Entsetzen packte die Wachen, als sie das wütende Tier heran jagen sahen. Der Tiger fauchte und knurrte und peitschte mit dem Schwanz den Boden. Voll Grauen flohen sie in den Palast und warfen das Tor zu. Doch der Tiger setzte darüber hinweg und drang in den Festsaal ein, wo der Kaiser gerade mit der Fee vermählt werden sollte. Der Tiger brüllte schrecklich, riss seinen fürchterlichen Rachen auf und voller Furcht liefen Kaiser und Hofstaat aus dem Saal. Der Junge griff seine Frau, und der Tiger setzte wieder über das Tor und jagte den fernen Bergen zu.
Als sie die Hütte erreicht hatten, sprangen die beiden jungen Leute von seinem Rücken herab und dankten dem Tiger, der behaglich schnurrte und sich das Fell kraulen ließ.
Seit jener Zeit lebten der Junge und die Fee in Glück und Frieden. Die kaiserlichen Soldaten mieden die Gegend um die Hütte, denn sie hatten Angst vor dem Jungen und seiner Frau und dem Tiger, der wie ein Haustier bei ihnen lebte. Sie bekamen Kinder, Enkelkinder, Urenkelkinder und Ururenkelkinder und das ging immer so weiter, sodass ein ganz neues Volk entstand. Und der alte Geschichtenerzähler hat dieses Märchen weiter erzählt, sodass wir es heute erfahren durften.



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