Nachbars Weingarten - WirkstattBlog - MärchenWirkstatt

Direkt zum Seiteninhalt

Nachbars Weingarten

MärchenWirkstatt
Herausgegeben von in Märchen ·
Märchen aus Turkmenistan
Im Frühling ist's schön, im Winter ist's schön, und im Sommer ist's auch schön, im Herbst aber ist es am schönsten. Im Herbst legt sich die glühende Hitze, im Herbst blühen die Blumen aufs Neue, im Herbst reifen Äpfel und Granatäpfel, Weintrauben und grüne Feigen, Wassermelonen und die golden glänzenden Zuckermelonen.
Just an so einem Herbstmorgen schwang sich Jarty-Gulak auf seinen Maulesel und ritt aufs Feld, um Gras für die Ziege zu mähen. Tag für Tag ging er seiner Mutter in der Wirtschaft zur Hand. Der schmale Pfad führte um den Weingarten des Nachbars herum, was aber kann es Schöneres geben als ein Weingarten im Herbst? Die schweren Trauben zogen die Reben bis zur Erde, und ein sanfter Wind trug ihren würzig süßen Duft aus dem Garten bis an den Weg. "Ach ist das hier herrlich!" rief der Knirps und ritt dicht an den Weingarten heran. So große Beeren hatte er noch niemals im Leben gesehen! Auch schien die liebe Sonne so warm, dass der Knabe gar zu gern im kühlen Schatten verschnauft hätte: Der Weingarten erschien ihm nämlich wie ein dichter undurchdringlicher Wald.
Er sprang von seinem Maulesel und glitt in das grüne Gewölbe der Rebstöcke. Jarty lief das Wasser im Munde zusammen: Wie viele Beeren gab es hier! Wenn ich doch wenigstens ein einziges Beerchen abpflücken könnte, dachte der Kleine bei sich, doch er bedachte, dass dies nicht sein Weingarten war, und blickte lieber gar nicht mehr zu den saftigen Trauben auf. Dann aber dachte er: Der Nachbar hat Tausende und Abertausende Weinbeeren in seinem Garten. Wenn ich eine einzige esse, so ist das für ihn doch kein großer Verlust! Er lief schnurstracks zu einem Rebstock. Später wusste selbst er nicht recht, wie die saftige, bernsteinfarbene durchsichtige Beere in seine Hand geraten war. Doch es war schon zu spät, sich zu besinnen. Er konnte die Beere ja nicht wieder an die Rebe kleben!
Jarty biss also in die Frucht wie in einen großen Apfel, denn die Weinbeere war nur ein wenig kleiner als sein Kopf. Der honigsüße Saft rann an Jartys Fingern herab, die Fruchthaut knackte zwischen seinen Zähnen, und selbst die Nase bekam etwas ab: Sie wurde ganz klebrig von dem süßen Saft. Nachbars Weintrauben waren zu lecker! Plötzlich vernahm Jarty Schritte. Sie kamen näher. Jarty erschrak: Das war der Besitzer, der da kam! Jarty hörte, wie die Schere in den Händen des Weinbauern klirrte. Behutsam schnitt er eine schwere Rebe nach der anderen ab. Der Knabe wusste zwar, dass der Nachbar ihm nicht zürnen würde, dennoch errötete er wie ein Blatt im Herbst und versteckte sich hinter einer großen Traube, die zur Erde gefallen war. Im selben Augenblick sah er die große Hand des Nachbarn vor sich und vernahm eine Stimme aus der Höhe. "Ohje-ohje! Morgen müssen wir die Weinlese beginnen, sonst fault uns gar die Ernte!" Mit diesen Worten hob der Nachbar die zu Boden gefallene Traube auf und legte sie in seinen Korb. Dabei geriet auch der hurtige Jarty-Gulak mit hinein. Er wollte zwar hinausspringen, doch da fiel schon eine zweite und dann eine dritte Rebe auf den Knirps, so dass er nicht mehr unter den Beeren hervorzukrabbeln vermochte. Der Nachbar füllte den Korb, ging zu seinem Häuschen zurück und sang sich ein fröhliches Lied:
 
"Oh Traube, du bist mein Augenschein!
Oh Traube, du schenkst uns den würzigen Wein!
Wirst zu süßem Kischmisch,
Wirst zu leckerem Bekmes,
Denn die Sonne verlieh
Süße und Kräfte dir..."
 
Jarty gefiel des Nachbarn Lied über die Maßen, er konnte sich nicht halten und schrie aus vollem Halse aus dem Korb: "Ach, hab Dank!" Der Nachbar war nicht mehr jung an Jahren, aber er hatte noch nie gehört, dass ein Korb rufen könne. Vor Schreck tat er einen Sprung, als habe eine Giftschlange ihn gebissen, ließ den Korb fallen und rannte in panischer Angst heim. Er trabte schneller als ein Fohlen durch den Weingarten und schrie: "Wai, was für ein Unglück ist uns geschehen! Wai, was für ein Unglück ist uns geschehen! In unseren Weingarten sind böse Geister eingefallen, die Dshine!" Des Nachbarn Weib molk just die Ziege. Als sie ihren Mann mit zerzaustem Bart daher rennen sah, erschrak sie so, dass sie den Melkeimer umstieß. Die Milch floss über die Erde. Der Nachbar aber schrie noch immer wie von Sinnen. Da nahm ihn die Frau bei der Hand und führte ihn ins Haus. "Wie oft habe ich dir gesagt, Mann, dass du bei der Hitze nicht nur die Tjubetejka aufsetzen sollst. Die Sonne hat dir auf den Kopf gebrannt, und nun kannst du nicht mehr Weiß und Schwarz voneinander unterscheiden!" So sprach des Nachbarn Weib, bettete ihren Mann auf eine Decke und wickelte ihm ein feuchtes Handtuch um den Kopf. Doch der Mann redete weiter wie im Fieber und phantasierte von bösen Geistern, den Dshinen, und von einem Korb. Da legte sich die Frau ein großes Tuch um den Kopf und machte sich auf, den Korb zu suchen.
Doch nun höre, was Jarty-Gulak geschah. Als der Nachbar den Korb fallen ließ, rollte Jarty zusammen mit den Weintrauben heraus. Er sprang auf die Füße, zog sich strafend an seinen Zöpfchen und sprach vor sich hin: Ach, Bürschchen, du trägst große Schuld vor dem Nachbarn! Erst hast du von seinen Trauben genascht, ohne zu fragen, und dann hast du den Mann halb zu Tode erschreckt. Nun trag ihm wenigstens den Korb in den Hof! Gesagt, getan. Er packte den Rand des Korbes und zerrte ihn hinter sich her, doch der Korb blieb hängen und Jarty konnte ihn nicht weiterziehen. Da kroch er unter den Korb, hob ihn an und eilte zu des Nachbarn Haus. Nun blieb der Korb nicht mehr am Wurzelwerk und am Gras hängen. Es sah vielmehr aus, als fliege er dicht über dem schmalen Pfad dahin. Das aber machte Jarty-Gulak solchen Spaß, dass er sein Lieblingslied anstimmte:
 
"Ich bin klein aber mutig,
Am stärksten von allen bin ich!
Ich bin klein aber mutig,
Am hurtigsten von allen bin ich!"
 
Just in diesem Augenblick kam des Nachbarn Weib Jarty-Gulak entgegen. Als sie den Korb erblickte, der allein den Weg entlang lief und auch noch ein Liedchen sang, kreischte die Frau, als sei ihr ein böser Geist erschienen. Sie rannte heim, ohne auf den Weg zu achten, stolperte über eine Baumwurzel und stürzte. So lag sie denn und rief nach. Hilfe.
Jarty wäre gern an die Frau herangetreten und hätte sie beruhigt. Doch sein Chalat hatte sich am Korbrand verheddert. So rannte er aufgeregt unter dem Korb hin und her wie eine Zieselmaus in der Falle. Endlich riss er sich los, ein Fetzen seines Chalats blieb am Weidengeflecht des Korbes hängen, aber der Knabe war frei. Aufs Geratewohl eilte er zu der Stelle, wo das Weib noch immer schrie. Er rannte durch das harte Grasgestrüpp, über niedrige Sandhügel und durch das trockene Laub vom Vorjahr. Die trockenen Blätter blieben an seinem vom Beerensaft klebrigen Chalat hängen, an den Blättern klammerten sich Zweiglein und Disteln fest, die Disteln zogen Ästlein aus dem Vorjahr hinter sich her, und alsbald lief nicht mehr Jarty durch den Weingarten, vielmehr wälzte sich ein Furcht erregendes, piekendes, mit Erde und Staub bedecktes Knäuel dahin.
Doch nun höre, was weiter geschah. Die Frau schrie so laut, dass der Sohn ihr Rufen vernahm. Er werkte gerade im Garten und stellte Stützen unter den Reben auf, damit die Zweige unter der Last der Beeren nicht brachen. Als er die lauten Hilferufe der Mutter vernahm, dachte der Jüngling, dass alle Hunde aus dem Aul über sie hergefallen seien, und eilte ihr zu Hilfe. Er sprang über Aryks und über Baumwurzeln. Da rollte ihm miteins ein seltsames Geschöpf aus dem Gestrüpp entgegen - halb Igel, halb Stachelschwein! Dieses Geschöpf schrie: "Rasch! Rasch zu Hilfe!" und verschwand ebenso schnell wieder im Strauchwerk, wie es aufgetaucht war. Der Jüngling erschrak, prallte zurück, glitt aus und stürzte mit voller Wucht in einen Aryk, der schon lange nicht mehr gesäubert worden und deshalb sehr schlammig war.
Doch mag er hier einstweilen liegen bleiben, wir aber wollen sehen, was Jarty-Gulaks Eltern machen.
Die beiden Alten saßen in ihrer Kibitka und zählten das Geld, das sie am Verkauf der Baumwolle verdient hatten. Es war nicht viel. Drum waren sie bald fertig. Der Alte nahm eine Tanga, schob sie in die Tasche seines Chalats und sprach: "Für dieses Geld kaufe ich Jarty eine neue weiße Lammfellmütze." Die Alte nahm eine andere Münze, versteckte sie in ihrem Kopftuch und sagte: "Ich will für unser Jungchen süße Chalwa kaufen. Er hat dir fleißig auf dem Acker geholfen und verdient eine Belohnung." So sprach die Alte und lachte froh. Da rollte miteins ein seltsames Geschöpf in die Kibitka. Es schrie, und Vater und Mutter erkannten alsbald Jarty-Gulaks Stimme: "Ata-dshan! Liebster Vater! Laufe, so rasch du kannst, zu den Nachbarn. Unheil ist über ihr Haus gekommen. Der Nachbar ist krank, sein Weib liegt besinnungslos danieder, und ihr Sohn und Erbe ertrinkt im schlammigen Aryk!"
Der Alte verlor kein Wort. Er warf sich seinen Chalat über, vergaß, wie betagt er war, und lief wie ein junger Dshigit zu des Nachbarn Haus. Natürlich hatte die Alte Jarty-Gulak sofort erkannt. Sie nahm ihn auf den Arm und lamentierte: "Wach! Ein Unglück hat uns heimgesucht, wie ich es noch keines erlebt habe! Mein Jungchen, mein Augenlicht, wo hast du dir nur so deinen neuen Chalat zerrissen? Wieso hast du die hübsche Tjubetejka verloren? Wo hast du dir dein Gesicht wie ein reifes Äpfelchen zerkratzt? Wo hast du deine kleinen Händchen, wie es keine niedlicheren gibt auf der Welt, beschmutzt? Sprich, erzähle deiner Mutter, was ist der Grund für soviel Unheil?" Jarty senkte den Kopf, schwieg lange und bekannte am Ende zögernd: "Ich denke, Edshe-dshan, dass der Grund für all dieses Unheil in einer Weinbeere beschlossen liegt, die ich ohne Erlaubnis in einem fremden Garten gepflückt habe!"
Wir aber sagen: "Süß sind die Weinbeeren, doch nicht, wenn sie auf den Rebstöcken deines Nachbarn gedeihen!"


Kein Kommentar


Zurück zum Seiteninhalt